Der Gesprächskreis Homosexualität

der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde Berlin-Prenzlauer Berg
war Initiator der Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Totgeschlagen - Totgeschwiegen -
den homosexuellen Opfern
des Nationalsozialismus

Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

Stolpersteine

für die bisher namentlich bekannten ermordeten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen

Heinrich Hoffmann

Stolperstein Heinrich Hoffmann Geboren am: 16.11.1891
Geburtsort: Hannover
Ermordet am: 12.01.1940
Verlegeort: ⟩ 30161 Hannover, Hagenstraße 19
Initiator: Heinz Harre, Hannover
Zum Lebensweg: Heinrich Hoffmann wurde am 16. November 1891 in Hannover geboren.1 Sein Vater stammte aus Thüringen und war Oberpostschaffner. Er selbst wurde Reichsbahnassistent. 1917 musste er zum Militär, erst 1920 kam er wieder nach Hannover. Er lebte überwiegend in Hannover, aber auch jahrelang in Bielefeld, zum Schluss aber wieder mit seiner Mutter zusammen in Hannover in der Hagenstraße 64, heute Nr. 19.

In Bielefeld wütete ab Oktober 1936 die Gestapo mit einer Hetzjagd auf homosexuelle Männer, in einer "Sonderaktion", die bewirkte, dass in einzelnen Monaten bis zu 75 % der sogenannten Schutzhäftlinge in dieser Region Homosexuelle waren. Berichtet wird auch von Misshandlungen in der Schutzhaft und es kam 1937 zu mindestens drei Selbstmorden. 283 Homosexuelle kamen in Schutzhaft. Und im Dezember 1936 kam auch Heinrich Hoffmann in Schutzhaft. Erst im Februar 1937 wurde er aus der Schutzhaft entlassen und weiter seiner Freiheit durch Untersuchungshaft beraubt.

Wegen der Prozessflut musste in Bielefeld eine Sonderstrafkammer des Landgerichts eingerichtet werden, die ausschließlich für die Verfahren aufgrund § 175 zuständig war. Diese verurteilte am 12. April 1937 auch ihn. Unter dem Druck der Verhöre hatte er seine Lebensbeichte abgelegt und zahlreiche homosexuelle Kontakte seit 1912 - also aus einem Vierteljahrhundert - gestanden und auch etliche Namen von Sexualpartnern aus Bielefeld und auch aus Hannover preisgegeben. Er belastete sich zusätzlich, indem er sogar Kontakte zu Unbekannten angab. Und so wurde er wegen Vergehen aufgrund § 175 alter Fassung, § 175 neuer NS-Fassung und eines versuchten Verbrechens aufgrund § 175a StGB zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust verurteilt. Vom Gericht wurde er zwar als "gefährlicher Gewohnheitsverbrecher" eingestuft, der "eine erhebliche Gefahr für die Allgemeinheit" darstelle, "zumal durch solch eine umfangreiche Betätigung ... die Gefahr besteht, dass immer weitere Kreise in dieses Laster hineingezogen" würden. Trotzdem wurde in diesem Fall von der Verhängung der Sicherungsverwahrung abgesehen.

Seiner Freiheit wurde er dann erst ab Dezember 1937 aus dem Gefängnis Hannover kommend im Zuchthaus Hameln beraubt. Zuvor dürfte er in mehreren Prozessen als Zeuge aufgetreten sein. In einem Gnadengutachten schrieb die Zuchthausverwaltung an die Staatsanwaltschaft Bielefeld:
»Er wird allem Anscheine nach immer ein gefährlicher Volksschädling bleiben.«
Das Zuchthaus meldete zusammen mit der Entlassungsankündigung an die Kriminalpolizeileitstelle Hannover im April 1939:
»Im Anstaltsleben führt er sich gut, wie Homosexuelle meist und arbeitet zufriedenstellend.«
Sonst wurde er aber ungünstig beurteilt. Im Juni 1939 ordnete die Staatliche Kriminalpolizeileitstelle Hannover, die ihren Sitz in der heutigen Polizeidirektion hatte und deren Leiter der SS-Standartenführer und Regierungs- und Kriminaldirektor Felix Linnemann3 war, die polizeiliche Vorbeugungshaft an. Zum Entlassungszeitpunkt im selben Monat wurde Hoffmann nicht in die Freiheit entlassen, sondern der Polizei übergeben.

Einen Monat später transportierte man ihn in das KZ Sachsenhausen; er erhielt die Nummer "§ 175 Nr. 865". Sechs Monate später, am 12. Januar 1940, verstarb er dort, angeblich an Körperschwäche, im Alter von 48 Jahren. Aber sogar die angegebene Todesursache weist darauf hin, dass er nicht durch eine Krankheit sondern durch die unzureichende Versorgung im KZ ermordet wurde.
Autor: Rainer Hoffschildt, Hannover. Ich danke Fred Brade für die Informationen.
Ich danke Niko Ewers für umfassende Informationen über die Gestapo-Aktion im Bielefeld.
Fussnoten:
1 KZ Sachsenhausen 1939-1945: ⟩ Internet-Totenbuch der Gedenkstätte Sachsenhausen.
   Niedersächsisches Landesarchiv, Hauptstaatsarchiv Hannover, Hann. 86 Hameln Acc. 142/90 Nr. 37/0314.
2 Vgl.Nico Ewers: »Besonders ein regelrechtes Liebesverhältnis muss aufs schwerste verurteilt werden«. Verfolgung von Homosexuellen in Bielefeld in der Zeit des Nationalsozialismus.
   In: 86. Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, S. 7380 Bielefeld, 2000
3 Aus Niedersachsen nach Auschwitz, Katalog zur Ausstellung des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti e.V., Bielefeld 2004,S. 37.