Der Gesprächskreis Homosexualität

der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde Berlin-Prenzlauer Berg
war Initiator der Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Totgeschlagen - Totgeschwiegen -
den homosexuellen Opfern
des Nationalsozialismus

Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

Stolpersteine

für die bisher namentlich bekannten ermordeten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen

Adolf Richard Neumann

Stolperstein Adolf Richard Neumann Geboren am: 09.10.1924
Geburtsort: Hamburg
Ermordet am: 02.11.1942
Verlegeort: ⟩ 204595 Hamburg, Alter Steinweg 13
Initiator: Keine Angabe
Zum Lebensweg: Adolf Richard Neumann wurde am 9. Oktober 1924 in Hamburg geboren. Er war jüdischer Herkunft und wurde 1938 aus der Talmut-Tora-Schule ausgeschlossen, da er mehrere Klassenkameraden bestohlen hatte. Die Nazis gaben ihm den zusätzlichen Vornahmen "Israel". Er war nach der Schule als Kohlenträger und Bote tätig und wurde schließlich Schifferlehrling.

Im Frühjahr 1940 befreundete sich der 15-Jährige mit dem 34 Jahre älteren Kurt Dombeck, der ihn auf der Straße angesprochen hatte, für den er Besorgungen erledigte, ihn häufig besuchte und mit dem er auch einvernehmliche sexuelle Kontakte hatte. Eine Nachbarin und die Vermieterin von Dombeck denunzierte sie, und sie wurden quasi in flagranti ertappt.

Zitat:
»Als gestern Dombeck von der Polizei aus der Wohnung geholt wurde, leuchtete ich kurz nachdem - der in seinem Zimmer befindliche Junge zog sich gerade an - in dessen Zimmer hinein und sah in der Höhe des Bettendes mehrere Flecken auf dem Fussboden. Ich glaube wohl mit Bestimmtheit sagen zu können, daß es sich hier um Spermaflecke handelte. Die Entfernung von mir bis zu dieser Stelle - das Bett steht gleich neben der Tür - beträgt nicht einmal 50 Zentimeter.
(Alfred Lorenz im Polizeiverhör, 15. Mai 1940)«1

Am 1. Juli 1940 verurteilte ihn das Amtsgericht Hamburg wegen eines fortgesetzten Vergehens nach §175 RStgB zu 4 Monaten Gefängnis, abzüglich der Untersuchungshaft von 1 Monat. Ab den 24. Juli 1940 verbüßte er seine Strafe zunächst im Jugendgefängnis Hahnöversand und kam später in das Strafgefängnis Glasmoor und schließlich am 9. August 1940 in das Gerichtsgefängnis Hamburg-Harburg. Dort beschrieb man ihn: 1,55 m groß, mittlere Gestalt, graue Augen, rotblondes Haar und keine besonderen Kennzeichen. Am 1. Oktober 1940 entließ man den 15-Jährigen zu seinen Eltern nach Hamburg.

Am 12. November 1940 musste er als Zeuge beim Landgericht Hamburg im Verfahren gegen seinen Freund aussagen. Das Gericht meinte im Urteil gegen Dombeck: "Die Art und Weise, wie sich der Zeuge Neumann mit dem Angeklagten eingelassen hat, seine häufigen Besuche bei dem Angeklagten, sprechen … dafür, dass es eine Verführung dieses bereits fast 16jährigen Zeugen nicht bedurfte. Neumann macht vielmehr auf das Gericht den Eindruck eines sexuell früh reifen Juden. Auch ist in dieser Hinsicht bezeichnend, dass der Zeuge vor der Polizeibehörde zunächst durch Ableugnen gleichgeschlechtlichen Verkehrs mit dem Angeklagten, diesen und sich selbst in Schutz genommen hat." Letzteres war günstig für Dombeck, der sonst als "Verführer" zu einer Zuchthausstrafe verurteilt hätte werden können.

Etwa im April 1941 transportierte man den 16-Jährigen in das KZ Sachsenhausen, wo er die Häftlingsnummer 37.273 erhielt und im Block 36, in dem viele Homosexuelle einsaßen, untergebracht wurde. Am 25. September 1941 befand er sich im Krankenbau des KZ Sachsenhausen.

Adolf Neumann wurde am 2. November 1942 im ⟩ KZ Auschwitz im Alter von 18 Jahren ermordet. Auch 12 seiner Verwandten, darunter seine Eltern und einige Geschwister wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Einer seiner Brüder überlebte und meldete seinen Tod 1981 der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Eine Schwester beantragte in Hamburg Wiedergutmachung; dabei bewertete das Amt für Wiedergutmachung seine Strafhaft als "nicht verfolgungsbedingt". Homosexuelle waren gesetzlich von einer Wiedergutmachung ausgeschlossen, da sie nicht unter den antragsberechtigten Personengruppen genannt wurden.2

Gedenkblatt Yad Vashem Aus der ⟩  Zentralen Datenbank von Yad Vashem ¦ Shoah Opfernamen:
»Adolf richard israel Neumann wurde im Jahr 1924 in Hamburg, Deutsches Reich geboren. Er war der Sohn von Moritz und Sophie, geb. London. Während des Krieges war er in Altona, Deutsches Reich.
Adolf richard israel wurde in der Schoah ermordet.«
Aus dem Gedenkbuch ⟩  Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945:
»Neumann, Adolf Richard Adolph geboren am 09. Oktober 1924 in Hamburg / - / Hansestadt Hamburg
wohnhaft in Hamburg
Inhaftierung: 1940, Hamburg, Gefängnis
Deportation: Auschwitz, Konzentrations-und Vernichtungslager, Todesdatum: 02. November 1942, Todesort: Auschwitz, Vernichtungslager«


 🔎 Gedenkblatt Adolf Richard Neumann
In Hamburg ehrte man ihn und seine Familie mit Stolpersteinen ⟩ 204595 Hamburg, Alter Steinweg 13

Sein Partner Kurt Dombeck3 wurde nach seiner Strafhaft im Gefängnis Wolfenbüttel am 28. April 1943 im KZ Neuengamme ermordet. Siehe Eintrag in das ⟩ Totenbuch KZ Gedenkstätte Neuengamme.

Auch für Kurt Dombeck wurde ein Stolperstein in Hamburg in der ⟩ Brüderstraße 3 gesetzt.
Autoren: Lothar Dönitz, Berlin; Rainer Hoffschildt (Hannover). Ich danke Fred Brade und Joachim Müller, beide Berlin, für die Informationen.
Foto: © „Hinnerk11/Wikipedia“
Recherchen in der Datenbank Yad Vashem und im Gedenkbuch des Bundesarchivs: Lothar Dönitz, Berlin 2018.
Fußnoten:
1 Bernhard Rosenkranz †, Ulf Bollmann in: "Homosexuellen-Verfolgung in Hamburg 1919–1969" Hamburg: lambda 2009, S. 34f., 206, 240
   Akte Dombeck: Niedersächsisches Landesarchiv, Staatsarchiv Wolfenbüttel, Signatur: 43 A Neu 4 Jg. 1938 Nr. 2924.
2 Symbolisch auf den 17. Mai 2002, ein Zahlenspiel §175 = 17.5., gelegt, beschloss der Bundestag gegen die Stimmen von CDU/CSU und FDP eine Ergänzung zum Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege (NS-AufhG, BGBl. 2002 I S. 2714). ⟩ Siehe Einleitung - Verfolgung...
3 A.a.O.