Der Gesprächskreis Homosexualität

der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde Berlin-Prenzlauer Berg
war Initiator der Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Totgeschlagen - Totgeschwiegen -
den homosexuellen Opfern
des Nationalsozialismus

<Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

Stolpersteine

für die bisher namentlich bekannten ermordeten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen

Jakob Franz Dreyer



Kein Stolperstein vorhanden.
Geboren am: 08.06.1875
Geburtsort: Insel Helgoland
Ermordet am: 10.03.1942
Verlegeort:  
Initiator:  
Zum Lebensweg: Jakob Franz Dreyer wurde am 8. Juni 1875 auf der Insel Helgoland in Schleswig-Holstein geboren.1 Der Ledige wohnte auch später in Helgoland in der Windstraße 510 und war von Beruf Fährmann.

In dem Buch: Jugendführer des Deutschen Reichs (Hrsg.), Kriminalität und Gefährdung der Jugend, Lagebericht bis zum Stande vom 1. Januar 1941, heißt es in dem Kapitel "B. Komplex Helgoland" zu ihm:
"Im November 1938 wurden homosexuelle Verfehlungen großen Umfanges auf Helgoland aufgedeckt, die von der eingesessenen Bevölkerung seit mehr als zehn Jahren begangen wurden. Insgesamt sind etwa 27 Männer über 21 Jahre und 47 Jugendliche ermittelt worden. Es ist aber anzunehmen, daß bei weitem nicht alle erfaßt sind. Verbreiter der Seuche ist der Bootsmann Jakob Dreyer, jetzt 63 Jahre alt, der seit zehn Jahren eine große Anzahl Jugendlicher verführte. Bei ihm verkehrten ganze Schulklassen. …"2
Weiter wurde dann noch beschrieben, wie Personen, die er "verführt" hatte, auch andere wiederum "verführten", um die "seuchenartige Verbreitung" homosexueller Handlungen darzustellen. Auch die Wissenschaft, der bekannte Psychiater Professor Dr. med. H. Bürger-Prinz aus Hamburg, analysierte den Fall:
" … Durch die Eigenheit des Ortes wurden die inneren Beziehungen, das ‚sexuelle Myzel' in seltener Weise durchschaubar; dadurch, daß jeder jeden kannte, auch kontrollierbar, und die teils auf Jahrzehnte zurückgehende Geschichte der sexuellen Beziehungen darstellbar. Es blieb für Lügen kaum noch Raum. …">3
Für die Verurteilung der Helgoländer waren das Gericht Cuxhaven und das Landgericht Stade zuständig, die die meisten auch milde verurteilten. Für die Verurteilung der drei "Hauptverführer" begab sich die Große Strafkammer des Landgerichts Stade aber erstmalig sogar nach Helgoland. Dreyer wurde 1939 vermutlich zu drei Jahren Gefängnishaft verurteilt.4

Nach der Strafverbüßung entließ der Justizvollzug ihn nicht mehr in die Freiheit, sondern lieferte ihn der Polizei aus. Die Polizei transportierte ihn am 17. Dezember 1941 in das KZ Sachsenhausen bei Berlin, wo er die Häftlingsnummer 40.672 erhielt. Jakob Dreyer verstarb am 10. März 1942 um 9:05 Uhr im Alter von 66 Jahren im KZ Sachsenhausen.
Autor: Rainer Hoffschildt, Hannover.
Fussnoten:
1  KZ Sachsenhausen 1939-1945: ⟩ Internet-Totenbuch der Gedenkstätte Sachsenhausen.
2  Jugendführer des Deutschen Reichs (Hrsg.), Kriminalität und Gefährdung der Jugend, Lagebericht bis zum Stande vom 1. Januar 1941, o. O., o. J, (Berlin 1941), S. 202.
3  H. Bürger-Prinz, Gedanken zum Problem der Homosexualität. 2. Mitteilung, in: Monatsschrift für Kriminalbiologie und Strafrechtsreform, 1939, Heft 9, S. 430-438, hier S. 430.
4  Hans-Jürgen Kahle, Homosexuellen-Verfolgung in Cuxhaven während der Zeit des Nationalsozialismus (Teil 4, Schluß)
   Die Prozesse gegen Helgoländer Homosexuelle, in: Die Spitze, Magazin für Stadt & Landkreis Cuxhaven Nr. 66 aus März 1996, S. 17-19.