Der Gesprächskreis Homosexualität

der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde Berlin-Prenzlauer Berg
war Initiator der Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Totgeschlagen - Totgeschwiegen -
den homosexuellen Opfern
des Nationalsozialismus

<Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

Stolpersteine

für die bisher namentlich bekannten ermordeten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen

Paul Wendel alias O'Montis



Kein Stolperstein vorhanden.
Geboren am: 03.04.1894
Geburtsort: Budapest
Ermordet am: 17.07.1940
Verlegeort:  
Initiator:  
Zum Lebensweg: Paul O'Montis1 war ein deutscher Sänger, Parodist und Kabarettist, geboren mit bürgerlichem Namen Paul Wendel 1884 in Budapest. Er wächst zunächst in Hannover auf. Über seine Kindheit, seine Jugend und seine Familie ist nichts bekannt.

In den frühen 20er Jahren zog er nach Berlin, nahm den Namen Paul O'Montis an und wurde sofort eine Berühmtheit im Kabarett-Metier, Star unzähliger Aufführungen, Zeitungsartikeln und Autor von Dutzenden Musikaufnahmen. Er pflegte das mondän-karikaturistische Couplet. Seine Spezialität waren Ulk- und Nonsensschlager, deren Texte sich durch ihre Wortspielereien und Zweideutigkeiten auszeichnen.
Auch seine offen gelebte Homosexualität floss in manche Stücke und Interpretationen ein.2

   ⟩ »Ich bin verrückt nach Hilde...«, 1929 Otto Stransky / Rebner / Odeon O-11072
Aus dem Songtext:
»Ich war schon bei Frieda,
das tu ich nie wieder,
die niest beim Küssen,
weil sie Schnupfen hat.
Dann war ich bei Ada,
das war noch viel fader,
die liest dabei das "Aktualblatt".
Am schlimmsten aber war es bei Mariann',
da stellte sich’s heraus, das ist ein Mann, ohh!«
Nach dem Machantritt der Nationalsozialisten bleibt er zunächst in Deutschland. Der deutsche Staatsbürger O'Montis, verlässt Ende 1933 Deutschland und emigriert nach Wien.

Im Januar 1938 nach einer der letzten Schallplattenaufnahme flüchtete er nach Prag, wohnte dort am ⟩ Fügnerplatz 6 (Fügnerovo námestí). Am 15. März 1939 besetzten die faschistischen Truppen den Rest der Tschechoslowakei und O'Montis gerät in die Fänge der Nationalsozialisten. Er wird verhaftet und nach Zagreb, später nach Lodz verschleppt.

Am 30.5.1940, wird O’Montis schließlich unter der Häftlingsnummer 25131 in das Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert und in Block 35 eingewiesen, der zur sogenannten „Isolierung“3 gehört. Dabei handelt es sich um sechs Häftlingsbaracken, die vom restlichen Lager mit einem Zaun abgetrennt sind. Neben Homosexuellen, darunter auch jüdische Homosexuelle, wurden dort sowjetische Kriegsgefangene, sogenannte „Bibelforscher“, also auch Zeugen Jehovas, und andere Häftlingsgruppen gefangen gehalten.

Einen Monat nach seiner Einlieferung wurde Paul O'Montis ermordet: 17. Juli 1940 um 2 Uhr »Freitod durch Erhängen«, so wird sein Tod in der Sterbeurkunde bescheinigt. Damit sollte der Tod, der Mord an den einst auch in der Berliner Skala gefeierten Künstlers Paul O'Montis vertuscht werden.4

Emil Büge nennt ihn "Paul Wendrel" in einer Namensliste von rund 60 Männern aus unterschiedlichen Haftgruppen in seinem ausführlichen Kapitel mit der Überschrift »Erschossene, Gehängte und Selbstmörder«5 Darin merkt Bürge an: »bei einigen Selbstmorden, die in der SK vorgenommen sind, ist die Annahme wohl begründet, daß es sich nicht um solche handelt, sondern daß die Leute auf Befehl von Ficker und dem vielleicht noch schlimmeren Bugdale gehängt wurden.«

Der politische Häftling Robert Brink (Ende 1938 bis September 1940 Blockältester und Lagerältester der Isolierung) berichtet in einer Eidesstattlichen Erklärung6:
»Im Block 35 befanden sich die Homosexuellen. [...] Der Blockälteste [...] mordete dauernd Leute in seinem Block. Weder die Lagerleitung, noch die SS in der Isolierung boten diesem Treiben Einhalt. Mir als Lagerältester war es von dem Leiter der Isolierung, Bugdalle, wie auch von den SS-Leuten Knittler und Ficker wiederholt streng untersagt worden, mich um diese Anngelegenheiten zu kümmern. Eines Sonntagnachmittags kam der bekannte Vortragskünstler, genannt Paul Remontes (gemeint Paul O'Monti) zu mir und bat um meinen Schutz, da ihm von Seiten des Blockältesten Ruppel angeroht worden war, er würde in der kommenden Nacht erledigt werden. ... Unter eigener Lebensgefahr ging ich am nächsten Tage, durch den in Nacht tatsächlich erfolgten Mord an Paul Remontes erbittert und ermutigt, zu Bugdalle hin.«
Brink konnte wohl die Ablösung Ruppels, doch nicht das Ende des Mordens, erreichen.
Autor: Lothar Dönitz, Berlin

Fußnoten:
1 KZ Sachsenhausen 1939-1945: ⟩ Internet-Totenbuch der Gedenkstätte Sachsenhausen.
2 Ausführlich: Ralf Jörg Raber "Der Sänger Paul O'Montis", in Joachim Müller, Andreas Sternweiler, Ho-mosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen, Berlin 2000, S. 207-210
3 Joachim Müller "Die Isolierung der Homosexuellen", Joachim Müller, Andreas Sternweiler, Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen, Berlin 2000, S. 103, S. 365
4 Sterbezweitbuch Standesamt Oranienburg Nr. 3312/1940, Bl. 16.
5 1470 KZ-Geheimnisse, Emil Büge, Metropol Verlag, Berlin 2010, S.180 ff
6 Robert Brink, Bericht als eidesstattliche Erklärung vom 23. August 1946; AS R 68 /22, S. 1-2.