Der Gesprächskreis Homosexualität

der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde Berlin-Prenzlauer Berg
war Initiator der Gedenktafel für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.

Totgeschlagen - Totgeschwiegen -
den homosexuellen Opfern
des Nationalsozialismus

<Gedenktafel für die Homosexuellen Opfer - KZ Sachsenhausen

Stolpersteine

für die bisher namentlich bekannten ermordeten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen

Ulrich Sperling



Kein Stolperstein vorhanden.
Geboren am: 27.03.1904
Geburtsort: Wolgast | Pommern
Ermordet am: 20.06.1940
Verlegeort:  
Initiator:  
Zum Lebensweg: Ulrich Sperling wurde am 27. März 1904 in Wolgast in Pommern geboren und evangelisch getauft.1 Seit November 1933 war er Mitglied der SA. 1936 lebte er in Berlin-Mitte, Lothringer Straße 80 und studierte 31-jährig Rechtswissenschaften.
Ab Februar 1936 waren seine homosexuellen Interessen polizeibekannt. Da zeigte ihn ein 16-jähriger Lehrling wegen sexueller Belästigung an. Sperling hatte den Lehrling und dessen Freund nachts auf dem Alexanderplatz in Berlin, einem traditionellen Platz der Prostitution, um Feuer gebeten, war mit ihnen ins Gespräch gekommen und in einem dunklen Hauseingang mit "Zärtlichkeitsbeteuerungen" zudringlich geworden. Da griff der Freund ein und sie ließen ihn verhaften. Die Jungen hätten ihn Anfangs gewähren lassen, "weil sie die Absicht hatte, ihn polizeilich feststellen zu lassen", so der Polizeibericht. Sperling bestritt alles und die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren mangels Beweises ein. Aber immer wieder kam es zu ähnlichen Vorfällen, zuletzt Anfang Mai 1938. Vom 8. bis 11. Mai 1938 befand er sich im Polizeigefängnis Berlin und danach vermutlich in Untersuchungshaft in Berlin-Plötzensee. Die Gestapo war nun am 10. Mai 1938 zu folgender Überzeugung gekommen:
"Sperling ist ein alter auf diesem Gebiet bekannter Jugendverführer, der sich nach seinem besonders geschickten Verhalten stets der Strafe entziehen konnte."2
Die Anklage gegen ihn lautete nun, dass er zwischen Februar 1936 und April 1938 sechsmal versucht habe, Minderjährige zur Unzucht zu verführen. Sperling beteuerte seine Unschuld. Am 22. September 1938 verurteilte ihn das Landgericht 20 in Berlin wegen versuchter Verführung von Männern unter 21 Jahren nach §175a, Ziffer 3, zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Bei diesem Verbrechen ist der Versuch genauso strafbar, wie eine vollendete Straftat. Die Untersuchungshaft wurde nicht auf die Strafhaft angerechnet, da er nicht geständig war. Er ging noch erfolglos beim Reichsgericht in Revision. Sein Rechtsanwalt argumentiert, dass der Begriff "Verführung" zu weit ausgelegt worden sei, denn in mehreren Fällen hätten die Minderjährigen ihn mit der Absicht, ihn zu stellen, zunächst gewähren lassen.

Noch im selben Jahr schloss man ihn vom Studium und aus der SA aus. Zur Strafverbüßung überführte man ihn in die Gefängnisse Berlin-Tegel und Wittstock an der Dosse in Brandenburg. Anlässlich eines Gnadenantrages von ihm beurteilt ihn der Leiter der Strafanstalt Tegel. Er habe sich zwar eiwandfrei geführt, aber:
"Sperling scheint ein echter Homosexueller zu sein, der mit großer Hartnäckigkeit seinem Triebe nachgeht. Er bedeutet im höchsten Maß eine Gefahr für die Jugend. Da jegliche Reue und auch andere zwingenden Gründe fehlen, die eine vorzeitige Entlassung rechtfertigen könnten, bin ich für restlose Strafverbüßung."3
Nach voll verbüßter Strafe entließ der Justizvollzug ihn angeblich am 15. Juni 1940 aus der Haft. Nicht auszuschließen ist aber auch, dass man ihn der Polizei auslieferte. Die Polizei transportierte ihn am 15. Juni 1940 in das KZ Sachsenhausen bei Berlin, wo die SS ihn als Homosexuellen einstufte und er die Häftlingsnummer 25.626 erhielt. Bereits fünf Tage nach seinem Zugang im KZ, am 20. Juni 1940, verstarb Ulrich Sperling im Alter von 36 Jahren im KZ Sachsenhausen. Als Todesursache wurde "croupöse Pneumonie" angegeben.4 Die Kürze des KZ-Aufenthalts lässt aber an Selbstmord oder Mord denken.
Autor: Rainer Hoffschildt, Hannover (Dezember 2017). Ich danke Fred Brade und Joachim Müller, beide Berlin, für die Informationen aus dem Archiv der Gedenkstätte Sachsenhausen. Ich danke Andreas Pretzel, Berlin, für die Informationen aus dem Landesarchiv Berlin.
Fussnoten:
1 KZ Sachsenhausen 1939-1945: ⟩ Internet-Totenbuch der Gedenkstätte Sachsenhausen.
   Karteikarte im Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Bestand G 30 Rodgau, Rodgau-Karteikarten.
2 Susanne zur Nieden, Der Jurastudent Ulrich Sperling, in: Joachim Müller, Andreas Sternweiler, Homosexuelle Männer im KZ Sachsenhausen, Berlin 2000, S. 269 ff
 3 Ebenda S. 270
4 Standesamt Oranienburg, Sterbezweitbuch Nr. 3073/1940, Bl. 165